Die Game-Changer-Kampagne: Wie die Schweiz auf Wett-Sucht reagiert

Eine Kampagne, die spät kommt, aber nicht zu spät
Als die «Game-Changer»-Kampagne 2026 lanciert wurde, hatte ich mit mehreren Wett-Bekannten Gespräche darüber. Die Reaktionen waren widersprüchlich: Die einen empfanden sie als überfällig, die anderen als Eingriff in eine private Konsum-Entscheidung. Beide Lesarten haben einen wahren Kern, aber beide übersehen das eigentliche Anliegen. Die Kampagne ist keine Moralisierungs-Übung — sie ist eine späte, aber nachvollziehbare Reaktion auf Daten, die seit Jahren in eine eindeutige Richtung gewachsen sind.
Wer den Schweizer Wett-Markt aus Wett-Perspektive betrachtet, sollte die Kampagne kennen, auch wenn er sich nicht persönlich angesprochen fühlt. Sie prägt die Werbe-Regulierung, das Verhalten der Konzessionsanbieter und die öffentliche Erwartung an die Wett-Branche der kommenden Jahre.
Anlass der Kampagne
Die Game-Changer-Kampagne wurde gemeinsam von Sucht Schweiz und einer Allianz schweizerischer Kantone Anfang 2026 vorgestellt. Sie reagiert auf eine konkrete Datenlage. 2024 wurden in der Schweiz über 18’000 Spielsperren neu ausgesprochen, und Spielende verloren mehr als zwei Milliarden Franken — eine Grössenordnung, die als Hintergrund jede einzelne politische Initiative rechtfertigt.
«Die Zahl der Menschen mit Spielproblemen nimmt zu, gleichzeitig suchen noch immer zu wenige Hilfe», so formuliert es Luca Notari, Forscher bei Sucht Schweiz, in einem Bericht zur Kampagne. Diese Doppel-Diagnose — wachsende Problemlage bei gleichzeitig stagnierender Hilfsbereitschaft — ist der direkte Anlass für die öffentliche Kommunikations-Initiative. Eine reine Verbots-Logik wäre weder politisch durchsetzbar noch wirksam; was fehlt, ist die Brücke zwischen Betroffenen und den vorhandenen Beratungsstrukturen.
Die durchschnittliche Schuldenhöhe Betroffener in Schuldenberatung lag 2024 bei rund 93’000 Franken — eine Zahl, die das individuelle Ausmass jeder einzelnen Geldspiel-Suchtgeschichte konkretisiert. Hinter dieser Durchschnittszahl stehen Personen mit Schulden im einstelligen, aber auch im sechsstelligen Bereich; der Median dürfte näher an der unteren Hälfte liegen, aber die Streuung ist erheblich. Was diese Schuldenzahlen nicht abbilden, sind die indirekten Folgen — verlorene Arbeitsplätze, zerbrochene Beziehungen, gesundheitliche Spätfolgen aus dem chronischen Stress der Schuldensituation. Diese Folgen produzieren ihrerseits weitere Kosten für die Sozialversicherungssysteme, die in die Gesamtbilanz des Geldspielproblems eingerechnet werden müssten, in der Standardstatistik aber nicht erscheinen.
Botschaften und Zielgruppen
Die Kampagne arbeitet mit mehreren Botschaften, die unterschiedliche Zielgruppen adressieren. Die zentrale Botschaft richtet sich an Spielende selbst: Wenn das eigene Wettverhalten Sorge macht, ist Hilfe verfügbar und niederschwellig zugänglich. Eine zweite Botschaft adressiert das Umfeld — Familienmitglieder, Freunde, Arbeitskollegen — die oft die ersten sind, die problematisches Spielverhalten beobachten, aber unsicher sind, wie sie reagieren sollen.
Eine dritte Botschaft hat eine politische Dimension: Sie zeigt das Ausmass der Problemlage als Argument für stärkere Werbe-Regulierung und für eine systematische Aufklärung in Schulen. Diese Botschaft ist weniger sichtbar in den öffentlichen Werbemitteln, aber sie ist die strukturelle Grundlage der Kampagne und prägt die parlamentarische Diskussion über Anpassungen am Geldspielgesetz.
Die Hauptzielgruppe innerhalb der Spielenden sind junge Männer. Rund drei Viertel aller Sportwetten-Spieler in der Schweiz sind männlich; junge Männer gelten als besonders gefährdet. Diese Konzentration prägt die Kampagnen-Bildsprache und die Wahl der Werbeplattformen — Social Media, Sport-bezogene Kanäle, Online-Streaming-Werbeplätze sind die primären Verbreitungswege, weil sie diese Zielgruppe am direktesten erreichen.
Kantonale Trägerschaft
Die Kampagne ist nicht eine zentrale Bundes-Initiative, sondern eine kantonale Allianz mit nationaler Reichweite. Trägerschaft sind die Kantone, die ihre Finanzierungen über die Anteile bündeln, die sie aus den Lotteriegesellschaften-Erträgen erhalten. Diese Finanzierungs-Logik ist wichtig: Die Geldspiel-Erträge der Schweiz fliessen substantiell zurück in den präventionspolitischen Bereich, was die Kampagne strukturell legitimiert.
Konkret: 2024 erzielte Swisslos einen Bruttospielertrag von 812.1 Millionen CHF — und 540 Millionen CHF dieser Erträge flossen an die Kantone. Ein Teil dieser Mittel wird über kantonale Lotterie-Fonds in präventionspolitische Programme wie die Game-Changer-Kampagne kanalisiert. Die Logik ist kreislaufförmig: Geldspiel produziert Erträge, ein Teil dieser Erträge finanziert die Prävention der Schäden, die das Geldspiel selbst verursacht.
Diese Konstellation hat Kritiker. Wer die Präventions-Finanzierung über die Geldspiel-Erträge selbst läuft, hat strukturell ein Interesse, das Geldspiel nicht so weit einzudämmen, dass die eigene Finanzierung gefährdet wird. Diese Spannung ist nicht aufzulösen, sondern muss politisch ausgehalten werden — die Game-Changer-Kampagne ist eine pragmatische Antwort innerhalb dieser strukturellen Schwierigkeit. Vergleichbare Spannungen finden sich in vielen europäischen Ländern, in denen staatliche Lotterie-Erträge präventive Aufgaben mitfinanzieren. Die Schweiz ist mit ihrer kantonalen Struktur und der breiten gemeinnützigen Mittelverwendung allerdings ein vergleichsweise transparenter Fall.
Wirkungsmessung und Grenzen
Die Wirkung einer öffentlichen Kommunikations-Kampagne ist schwer zu messen. Erste Indikatoren wären eine erhöhte Inanspruchnahme der Sucht-Beratungs-Hotlines, eine erhöhte Zahl freiwilliger Selbstausschluss-Anträge, eine erhöhte mediale Sichtbarkeit des Themas Geldspielsucht. Alle drei Indikatoren werden im Lauf des Jahres 2026 und 2027 systematisch erhoben werden, mit Ergebnissen vermutlich Anfang 2028.
Die strukturellen Grenzen der Kampagne sind allerdings auch jetzt schon sichtbar. Sie kann die Werbung der Wett-Anbieter nicht direkt regulieren — das ist Aufgabe des Gesetzgebers. Sie kann die schulische Aufklärungs-Lücke nicht direkt schliessen — das ist Aufgabe der kantonalen Bildungsdirektionen. Sie kann das gesellschaftliche Geschlechter-Rollenbild, das junge Männer in Risiko-Verhalten sozialisiert, nicht direkt verändern.
Was sie kann: das Thema sichtbarer machen, Hemmschwellen zur Hilfsuche reduzieren, die Bevölkerung mit konkreten Anlaufstellen versorgen. Das ist nicht wenig, aber es ist nicht alles. Die Schweizerische Gesundheitsbefragung 2022 dokumentierte, dass 5.8 Prozent der ab 15-Jährigen in der Schweiz ein risikoreiches und 0.8 Prozent ein problematisches Geldspielverhalten zeigten. Wer die Kampagne als Erfolg messen will, sollte erwarten, dass diese Quoten in den kommenden Jahren stabilisiert oder gesenkt werden — eine Steigerung wäre ein klares Warnsignal, dass die Kampagne ihre Ziele nicht erreicht. Erfahrungsgemäss zeigen vergleichbare öffentliche Kommunikations-Kampagnen aus dem Tabak- und Alkohol-Bereich, dass die direkte Verhaltensänderung Jahre braucht und selten linear verläuft. Wer von der Game-Changer-Kampagne sofortige Kurvenwende erwartet, wird enttäuscht sein; wer sie als Teil einer langfristigen Verhaltensänderungs-Architektur einordnet, wird die Wirkung realistischer einschätzen können.
Wer die Datenlage, die der Kampagne zugrunde liegt, im breiteren Schweizer Kontext der Spielsucht-Forschung einordnen will, findet im Spielsucht-Profil im Schweizer Sportwetten-Markt mit aktuellen Zahlen die statistische Grundlage, die die Kampagne motiviert.
Wer finanziert die Game-Changer-Kampagne?
Die Finanzierung erfolgt überwiegend aus kantonalen Lotterie-Fonds, die durch die Gewinnausschüttungen der Lotteriegesellschaften gespeist werden. Sucht Schweiz koordiniert die fachliche Konzeption und beteiligt sich operativ an der Umsetzung; die Kantone tragen die finanzielle Hauptlast und stellen die regionale Verankerung sicher. Ein Bundesbeitrag in substantieller Höhe ist nicht Teil der Kampagnen-Finanzierung — die Game-Changer-Initiative ist als kantonale Allianz mit nationaler Wirkung konzipiert.
Welche Erfolgsindikatoren werden 2026 erhoben?
Die wichtigsten messbaren Indikatoren sind die Inanspruchnahme der Sucht-Beratungs-Angebote, die Zahl der freiwilligen Selbstausschluss-Anträge und die Reichweite der Kampagnen-Inhalte über Social Media und klassische Medienkanäle. Eine vertiefende Wirkungsmessung wird voraussichtlich erst 2028 möglich sein, wenn die nächste Schweizerische Gesundheitsbefragung Daten zur tatsächlichen Verhaltensänderung in der Bevölkerung liefert. Bis dahin sind Zwischenstandsindikatoren wie Hotline-Nutzung und Sperranträge die einzigen verfügbaren Messgrössen.
Erstellt von der Redaktion von „Boxing Wetten Schweiz”.
